Die Sprache der Briefmarken

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Ist Ihnen das auch schon passiert? Sie gehen mit einem Brief, zur Post und wollen eine Briefmarke kaufen. Statt einer hübschen Blume oder einem interessanten Charakterkopf, wird ein nichtssagender Entwertungsstreifen, auf das von ihnen entworfene Schriftstück gepappt. Dabei sagen Briefmarken soviel aus. Sie führen uns, durch die Welt der Fauna und Flora, erinnern an Helden aus längst vergangenen Tagen oder wecken beim Anblick berühmter Bauwerke, Fernweh, das tief in unserer Brust schlummert. Schon alleine dafür, möchte ich eine Briefmarke kaufen. Ja, sie haben sogar ihre eigene Sprache. Leider ist sie bei den meisten, längst in Vergessenheit geraten. Sie stammt aus der Zeit, in der man nicht wusste, was E-Mails sind und es keine oder nur wenige Telefone gab. In der man mit zitternder Hand, rosarote Briefe an die Liebe seines Lebens schrieb und mit klebriger Zunge die bitter – süße (mehr bitter als süße), Rückseite der Marke befeuchtete. Einer Zeit, in der meine Oma, Tage voller Sehnsucht, hinter dem Blümchenvorhang des Küchenfensters saß und darauf wartete, dass der Postbote endlich auch einen Brief für sie dabei hatte. Von ihr, hörte ich das erste Mal, etwas über die Briefmarkensprache. Oma hatte sich damals in einen Jungen verliebt, den sie bei einem Schulausflug kennenlernte. In der langen Warteschlange eines Kiosks, sie hatte eine Ansichtskarte geschrieben und wollte eine Briefmarke kaufen, er ein Eis. Es muss wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, denn sie tauschten ihre Adressen aus. Heute, werden E-Mail Adressen und Handynummern weitergegeben, läuft es gut, hat man schon nach 10 Minuten die erste SMS und das, ganz ohne Briefmarke kaufen. Für meine Großmutter jedoch, begann die Zeit des Schreibens und Wartens. Wenn endlich ein Brief von ihrem Liebsten kam, schlich sie in den Schuppen neben dem Haus und las ganz heimlich, mit wild pochendem Herzen, seitenweise Liebesschwüre. Mit glühenden Wangen, schwang sie sich, kurz darauf auf ihr Fahrrad und radelte in das Dorf. Fragte sie unterwegs jemand: „Wohin denn so eilig?“, rief sie mit wehenden Haaren, „ eine Briefmarke kaufen!“. Das ging so lange gut, bis mein Urgroßvater eines Tages solch einen Brief in die Hände bekam, er tobte vor Wut und Oma musste sich etwas einfallen lassen. Nein, sie hat die Briefmarkensprache nicht erfunden. Die gibt es schon seit Ende des 19. Jahrhunderts und wurde sogar teilweise zur Spionage genutzt. Ist das nicht spannend? Man musste nur eine Briefmarke kaufen und konnte die geheimsten Geheimnisse verraten. In den meisten Fällen jedoch, übermittelte sie getarnte Liebesbotschaften. So auch bei Oma Lene, die bekam von nun an nämlich weniger Briefe, dafür aber jede Menge Postkarten. Karten mit wenig Text, stattdessen jedoch Briefmarken die in alle Himmelsrichtungen zeigten. Am liebsten waren ihr die nach rechts gekippten Marken, das bedeutet nämlich, „ innige Küsse.“ Oma schickte dann eine auf der Seite liegende zurück, „vergiss mich nie!“. In den nächsten Jahren, traf man die Beiden, häufiger beim Briefmarke kaufen. Für die meisten von uns, bedeutet das Briefmarke kaufen schlicht den Erwerb eines Postwertzeichen, welches zur bezahlten Beförderung unserer Korrespondenz dient. Die Wenigsten ahnen, welch Leidenschaftliche Gefühle, dies kleine am Rand gezackte Papierchen, auslösen kann. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, ich werde mir jetzt eine Briefmarke kaufen, eine schöne Postkarte und sie an meine Tochter schicken. Mit einer akkurat aufgeklebten Marke: „Ich denk an Dich“ oder besser, ich gehe noch eine Briefmarke kaufen, die klebe ich genauso ordentlich neben die erste, „ich habe dich von Herzen lieb.“ Denn genau so ist es, auch wenn auf der Karte stehen wird: Zurück simsen strengstens verboten! Zieh Dich an und geh dir eine Briefmarke kaufen!
Wo sind Sie denn? Doch nicht schon etwa eine Briefmarke kaufen?!